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Stadtgeschichte Dresden

1. Vom Sumpfwald zur Stadt an der Brücke

Lange bevor es Dresden gab, war die Talweite der Elbe schon begehrtes Siedlungsland. Die fruchtbaren Lößhänge links des Flusses zogen vor mehr als siebentausend Jahren die ersten Bauern an – Menschen der sogenannten Bandkeramik, benannt nach den Bändern, mit denen sie ihre Tongefäße verzierten. In Nickern, heute ein Stadtteil im Südosten, legten sie im fünften Jahrtausend vor Christus große Kreisgrabenanlagen an: ringförmige Gräben mit Palisaden, vielleicht Versammlungs- oder Kultplätze. Archäologen sehen in ihnen die ersten Monumentalbauten auf Dresdner Boden. Später folgten Menschen der Bronze- und Eisenzeit; auf einem Felssporn über dem Plauenschen Grund bei Coschütz entstand mit der Heidenschanze eine befestigte Siedlung, die fast schon wie eine kleine Stadt wirkte. In der Zeit der Völkerwanderung wurde es stiller im Tal, bis gegen Ende des sechsten Jahrhunderts slawische Familien aus Böhmen elbabwärts zogen und sich niederließen. Ihnen verdankt die Stadt ihren Namen: Drežďany bedeutet so viel wie die Leute im Sumpfwald oder am Auenwald. Wer heute über die trockenen, gepflasterten Plätze der Altstadt geht, mag es kaum glauben – doch damals war die Elbaue ein feuchtes, von Altarmen durchzogenes Waldland. Das Gebiet hieß im zehnten und elften Jahrhundert Gau Nisan, seine Bewohner die Nisanen. Nachdem die deutschen Könige Meißen im Jahr 929 zur Burg ausgebaut hatten, drangen Herrschaft und Kirche des Reiches nach und nach in den Gau vor. Burgwarde wie Briesnitz und Niederwartha sicherten das Land. Seit dem zwölften Jahrhundert setzten sich die Wettiner, die Markgrafen von Meißen, im Elbtal durch – jenes Fürstenhaus, das Sachsen über acht Jahrhunderte prägen sollte. Wann genau aus der Siedlung eine Stadt wurde, verrät keine Gründungsurkunde. Vieles spricht dafür, dass die Stadt um 1173 oder wenig später planmäßig angelegt wurde: an der Stelle, wo die Elbe sich gut überqueren ließ und wo sich Handelswege kreuzten. Eine erste Burg aus Holz schützte den Flussübergang; bis etwa 1230 wurde sie durch Steinbauten ersetzt. Am 31. März 1206 taucht Dresden dann zum ersten Mal in einer Urkunde auf – ein Datum, an dem die Stadt im Jahr 2006 ihr achthundertjähriges Bestehen feierte. Zehn Jahre später, 1216, wird Dresden ausdrücklich als civitas bezeichnet, also als Stadt. Markgraf Dietrich der Bedrängte hielt sich zeitweise hier auf, doch noch war Meißen der Mittelpunkt der Mark. Das junge Dresden war eine Stadt der Kaufleute und Handwerker, angelegt nach dem Vorbild der reichen Bergstadt Freiberg: ein Gitter von Gassen um einen Markt, eine Mauer, Tore. Außerhalb der Mauer lag die Frauenkirche, die älteste Pfarrkirche der Gegend, schon früh ein Ziel von Wallfahrten. Und dann war da die Brücke. Schon im dreizehnten Jahrhundert spannte sich eine steinerne Brücke über die Elbe – eine der ältesten im ganzen mitteleuropäischen Raum. Sie machte Dresden zum Ort, an dem man den breiten Strom sicher überqueren konnte, und genau daraus erwuchs die Bedeutung der Stadt. Auf der anderen Seite des Flusses wuchs eine eigene Siedlung, Altendresden – die Keimzelle der heutigen Neustadt. Das Bild, das man noch heute von der Brühlschen Terrasse aus sieht, der Fluss, die Brücke, die beiden Ufer, ist also schon in diesen Anfängen angelegt. Wenn Sie also auf der Augustusbrücke stehen, stehen Sie an dem Ort, an dem Dresdens Geschichte im Grunde begann.

2. Kreuzkirche, Pest und Hussiten – das mittelalterliche Dresden

Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert war Dresden eine Landstadt unter vielen, aber eine mit einem besonderen Schatz. Die Nikolaikirche am Altmarkt erhielt einen Splitter vom Kreuz Christi, so jedenfalls glaubten es die Menschen damals. Die Reliquie zog Pilger an, die Kirche bekam einen neuen Namen – Kreuzkirche – und an ihr entstand eine Schule mit einem Knabenchor. Dieser Dresdner Kreuzchor singt bis heute; im Jahr 2016 hat er sein achthundertjähriges Bestehen gefeiert und gehört damit zu den ältesten Knabenchören der Welt. Wenn Sie an einem Samstagnachmittag zur Vesper in die Kreuzkirche gehen, hören Sie also eine Tradition, die älter ist als fast alles andere in der Stadt. Politisch erlebte Dresden unruhige Zeiten. Nach dem Tod des Markgrafen Heinrich des Erlauchten im Jahr 1288 zerfiel die wettinische Herrschaft für einige Jahre. Dresden wechselte mehrfach den Herrn: Ein wettinischer Erbe verkaufte das Land 1289 an König Wenzel II. von Böhmen, später griff der Markgraf von Brandenburg zu, bis schließlich Friedrich der Freidige die Stadt für die Wettiner zurückgewann. Auf einer Urkunde von 1309 ist das älteste Stadtsiegel erhalten – das erste Wappen Dresdens. Um 1300 wird ein Schulmeister erwähnt, gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts gab es ein Franziskanerkloster; dessen Kirche, die spätere Sophienkirche, stand bis in die 1960er Jahre am Postplatz. Wie überall in Europa brachten Seuchen, Brände und Hochwasser immer wieder Leid. Die Elbe war Lebensader und Gefahr zugleich: Sie trug Holz, Salz und Getreide, doch sie trat auch regelmäßig über die Ufer. Auf der rechten Elbseite wuchs Altendresden heran und bekam 1403 eigenes Stadtrecht – zwei Städte also, verbunden durch die Brücke, mit eigenen Räten und eigenen Interessen. Erst 1549 wurden sie zu einer Stadt vereint. Eine schwere Katastrophe kam 1429. Die Hussiten, Anhänger des in Konstanz verbrannten böhmischen Reformators Jan Hus, zogen in Kriegszügen durch die Nachbarländer, die gegen sie gekämpft hatten. Ihre gefürchteten Heere mit den Wagenburgen erreichten auch Dresden und zerstörten große Teile der Stadt, besonders Altendresden. Für die Bewohner war das ein Schock, der lange nachwirkte; die Mauern wurden danach verstärkt. Im fünfzehnten Jahrhundert legte man außerdem den Weißeritzmühlgraben an, einen künstlichen Kanal, der Mühlen antrieb und die Stadt mit Wasser versorgte – ein Stück mittelalterlicher Ingenieurskunst, dessen Verlauf man an manchen Straßennamen bis heute ahnen kann. Um 1500 lebten in Dresden, Altendresden und den Vorstädten zusammen vielleicht sechstausend Menschen. Das klingt nach wenig, doch Dresden war damit eine ansehnliche Stadt in Sachsen. Leipzig war der größere Handelsplatz, Freiberg die reichere Bergstadt, und Meißen hatte den Bischof und die alte Burg. Was Dresden fehlte, war ein ständiger Fürstenhof. Das sollte sich in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts ändern. Nach dem Tod des Kurfürsten Friedrich des Sanftmütigen im Jahr 1464 regierten seine beiden Söhne Ernst und Albrecht das Land gemeinsam – und sie verlegten ihre Residenz von Meißen nach Dresden. Damit begann der Aufstieg vom Landstädtchen an der Brücke zur Hauptstadt. Wie es dazu kam, dass Dresden diese Rolle dauerhaft behielt, erzähle ich Ihnen im nächsten Kapitel.

3. Die Residenz der Albertiner

Im Jahr 1485 teilten die beiden wettinischen Brüder Ernst und Albrecht ihr Land – ein Ereignis, das als Leipziger Teilung in die Geschichtsbücher einging und Sachsen auf Jahrhunderte prägte. Ernst, der Ältere, durfte die Teilung vorschlagen, Albrecht wählte. Er nahm das Meißnische mit Dresden; Ernst bekam Thüringen und die Kurwürde, also das Recht, den deutschen König mitzuwählen. Seitdem war Dresden ohne Unterbrechung die Residenz der albertinischen Linie der Wettiner – bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918. Kaum war die Stadt Residenz geworden, traf sie ein schwerer Schlag. In den Junitagen 1491 brach ein Großbrand aus und vernichtete den größten Teil der Häuser. Die Stadt wurde wieder aufgebaut, jetzt mit mehr Stein und weniger Holz, und der Hof ließ das Stadtgebiet mit Grenzsteinen markieren. Unter Herzog Georg, den man den Bärtigen nannte, wurde Dresden ab 1521 stärker befestigt und bekam ein Gesicht, das einer Residenz würdig war. Georg ließ in den 1530er Jahren an der Elbseite des Schlosses einen prächtigen Flügel mit einem Torbau errichten, das Georgentor. Es gilt als einer der frühesten Renaissancebauten in Deutschland. An diesem Tor hing ein langer steinerner Fries mit einem Totentanz: Der Tod führt Menschen aller Stände im Reigen mit sich, den Papst, den Kaiser, den Bürger, das Kind. Das Relief hat Brände und Kriege überstanden und ist heute in der Dreikönigskirche in der Neustadt zu sehen – ein stiller, eindrucksvoller Ort, den viele Besucher übersehen. Herzog Georg war ein überzeugter Gegner Martin Luthers. Während im benachbarten ernestinischen Kursachsen mit Wittenberg die Reformation ihren Anfang nahm, hielt er sein Land beim alten Glauben. Erst nach seinem Tod im Jahr 1539 führte sein Bruder Heinrich, genannt der Fromme, auch in Dresden die Reformation ein. In der Kreuzkirche wurde nun evangelisch gepredigt, die Klöster wurden aufgelöst, ihre Güter fielen an den Landesherrn und die Städte. Dann kam die große Wende. Heinrichs Sohn Moritz war ein ehrgeiziger, kluger und skrupelloser Politiker. Obwohl selbst evangelisch, verbündete er sich im Schmalkaldischen Krieg mit dem katholischen Kaiser Karl V. gegen die protestantischen Fürsten – darunter seinen eigenen Vetter, den ernestinischen Kurfürsten Johann Friedrich. Nach der Schlacht bei Mühlberg im Jahr 1547 war der Vetter geschlagen und gefangen. Zum Lohn erhielt Moritz die Kurwürde und große Teile der ernestinischen Lande. Die Protestanten nannten ihn den Judas von Meißen. Doch für Dresden bedeutete das den Aufstieg in die erste Reihe: Die Stadt war jetzt Hauptstadt eines Kurfürstentums, eines der mächtigsten Länder im Reich. Moritz baute das Schloss zu einer der größten Residenzen seiner Zeit aus und ließ die Stadt mit modernen Bastionen umgeben. Ein Rest dieser Festungswerke ist bis heute zu besichtigen, in den Kasematten unter der Brühlschen Terrasse. Ein Jahr nach der Kurwürde, 1548, gründete Moritz eine Hofkantorei, also einen Chor und eine Musikkapelle für den Hof. Aus ihr ist die Sächsische Staatskapelle hervorgegangen, eines der ältesten Orchester der Welt, das heute in der Semperoper spielt. Moritz selbst blieb nicht viel Zeit: Schon 1553 starb er an einer Wunde, die er in der Schlacht bei Sievershausen erlitten hatte. Sein Denkmal, das Moritzmonument, steht als ältestes Denkmal der Stadt an der Brühlschen Terrasse: Moritz übergibt darauf das Kurschwert an seinen Bruder August.

4. Kurfürst August, die Kunstkammer und der lange Krieg

Auf Moritz folgte im Jahr 1553 sein Bruder August – kein Feldherr, sondern ein Verwalter, Sammler und Landesvater. Unter ihm wurde Kursachsen wohlhabend, und Dresden bekam viele seiner wichtigsten Einrichtungen. August ließ ein großes Zeughaus bauen, in dem die Waffen des Landes lagerten; aus diesem Gebäude wurde Jahrhunderte später das Albertinum, das heute Kunst des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts zeigt. Er richtete 1556 eine Münzstätte ein, gründete eine Bibliothek, aus der die heutige Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek hervorging, und ließ die Annenkirche errichten, benannt nach seiner Frau. Kurfürstin Anna, eine dänische Königstochter, war in ganz Sachsen bekannt: Sie betrieb eine eigene Apotheke, sammelte Rezepte und kümmerte sich um Gärten und Landwirtschaft. Die Leute nannten sie Mutter Anna. Die vielleicht folgenreichste Gründung aber war die Kunstkammer von 1560. In einigen Räumen des Schlosses sammelte August Werkzeuge, wissenschaftliche Instrumente, Uhren, Kuriositäten, Kunstwerke und Naturalien. Aus dieser fürstlichen Wunderkammer sind über die Jahrhunderte die großen Dresdner Museen hervorgegangen – das Grüne Gewölbe, der Mathematisch-Physikalische Salon, die Rüstkammer und viele mehr. Wenn Sie heute die Staatlichen Kunstsammlungen besuchen, gehen Sie also auf einer Spur, die 1560 begann. Unter Augusts Nachfolgern entstand der Stallhof, wo Ritterturniere und Ringstechen veranstaltet wurden; die Bronzesäulen, an denen die Reiter mit der Lanze nach einem Ring zielten, stehen noch heute dort. Die Außenmauer des Stallhofs ist die Wand, an der später der berühmte Fürstenzug angebracht wurde. Dann begann im Jahr 1618 der Dreißigjährige Krieg, und Sachsen wurde in ihn hineingezogen. Kurfürst Johann Georg I. schwankte zwischen den Seiten: Mal kämpfte er mit dem Kaiser, mal mit den Schweden. Dresden selbst wurde zwar nie erobert, doch der Krieg brachte Hunger, Teuerung und die Pest in die Stadt. Viele Bewohner starben, Handel und Handwerk lagen am Boden. Gleichzeitig wirkte am Hof ein Mann, der heute als der bedeutendste deutsche Komponist vor Bach gilt: Heinrich Schütz. Er war ab 1617 Hofkapellmeister in Dresden und blieb es, mit Unterbrechungen, über ein halbes Jahrhundert lang, bis zu seinem Tod 1672. In den schlimmsten Kriegsjahren schrumpfte seine Kapelle auf wenige Musiker zusammen; Schütz schrieb für diese kleine Besetzung, flehte den Kurfürsten in Briefen um Geld für seine Sänger an und bewahrte die Musik doch über den Krieg hinweg. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 erholte sich die Stadt langsam. Unter Johann Georg II. kamen Pracht und Feste zurück an den Hof. Ab 1670 entstand die Friedrichstadt mit ersten Manufakturen, und 1676 wurde der Große Garten angelegt, mit seinem barocken Palais in der Mitte – heute die grüne Lunge Dresdens. Im Jahr 1685 brannte Altendresden auf der anderen Elbseite fast vollständig nieder. Die Stadt wurde danach nach einem einheitlichen Plan neu aufgebaut, mit breiten, geraden Straßen – und bekam bald einen neuen Namen: die Neue Königliche Stadt, kurz Neustadt. Wer heute von der Augustusbrücke die Hauptstraße hinauf zum Goldenen Reiter und weiter zum Albertplatz geht, folgt genau dieser barocken Planung. Und damit sind wir bei dem Mann angekommen, der Dresden wie kein anderer geprägt hat.

5. August der Starke, der Zwinger und das weiße Gold

Friedrich August I. wurde 1694 Kurfürst von Sachsen, eher unerwartet, nachdem sein älterer Bruder an den Pocken gestorben war. Die Nachwelt nennt ihn August den Starken – wegen seiner sagenhaften Körperkraft, von der viele Geschichten erzählt werden, etwa dass er Hufeisen mit bloßen Händen verbogen habe. Seine wahre Stärke aber war sein Ehrgeiz. 1697 ließ er sich zum König von Polen wählen; dafür trat er sogar zum katholischen Glauben über – Herrscher eines fast ganz evangelischen Landes. Fortan war er Kurfürst in Dresden und König in Warschau, und er wollte, dass man das an seiner Residenz sah. Dresden sollte mit Versailles, Wien und Rom wetteifern. Sein Baumeister Matthäus Daniel Pöppelmann und der Bildhauer Balthasar Permoser schufen ab 1710 den Zwinger. Ursprünglich war er als Orangerie und als prächtiger Festplatz gedacht, auf dem der Hof seine Feste feierte – Turniere, Maskeraden, Feuerwerke. Bei der Hochzeit seines Sohnes mit der Kaisertochter Maria Josepha im Jahr 1719 feierte Dresden wochenlang, und der Zwinger war eine der Bühnen. Das Kronentor mit der polnischen Königskrone auf dem Dach, der Wallpavillon und das Nymphenbad gehören bis heute zu den schönsten Bauten des europäischen Barock. Ein zweites großes Vorhaben war das Porzellan. In Europa bewunderte man das chinesische und japanische Porzellan und zahlte dafür Unsummen – man sprach vom weißen Gold. August besaß eine regelrechte Porzellansucht, wie er selbst schrieb. Gleichzeitig hielt er in Dresden einen jungen Mann gefangen, der behauptet hatte, Gold machen zu können: den Apothekergehilfen Johann Friedrich Böttger. Gold machte Böttger nie. Doch zusammen mit dem Gelehrten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und Bergleuten aus dem Erzgebirge experimentierte er mit Tonerden und Brenntemperaturen – und im Jahr 1708 gelang in einem Labor in Dresden das erste europäische Hartporzellan. 1710 gründete August die Porzellanmanufaktur in der Albrechtsburg in Meißen, wo man das Geheimnis besser hüten konnte. Böttgers Laborräume unter der Jungfernbastei kann man heute in den Kasematten erahnen. August sammelte Porzellan in riesigen Mengen. Er tauschte sogar Soldaten gegen Porzellan: Dem preußischen König gab er ein Regiment Dragoner und bekam dafür große chinesische Deckelvasen, die bis heute Dragonervasen heißen. Für seine Sammlung ließ er das Japanische Palais in der Neustadt umbauen. Den Kunstschatz seines Hauses ordnete er neu: Ab 1723 ließ er im Schloss das Grüne Gewölbe einrichten, eine Schatzkammer mit Spiegeln, Gold und Edelsteinen, die er schon zu Lebzeiten ausgewählten Besuchern zeigte – eines der ältesten Museen Europas. Seine Goldschmiede um Johann Melchior Dinglinger schufen darin Wunderwerke wie den Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls, mit über hundert winzigen, edelsteinbesetzten Figuren. Unter August wuchs Dresden kräftig, die Augustusbrücke wurde verbreitert, Moritzburg und Pillnitz wurden zu Schlössern für Jagd und Vergnügen. Und natürlich erzählt man sich bis heute von seinen vielen Geliebten, allen voran der Gräfin Cosel, die später fast fünfzig Jahre lang auf Burg Stolpen festgehalten wurde. August starb 1733 in Warschau. Sein Herz aber liegt, so wollte er es, in einer Kapsel in der katholischen Hofkirche in Dresden. Und auf dem Neustädter Markt reitet er bis heute als Goldener Reiter, vergoldet und in der Pose eines römischen Kaisers.

6. Frauenkirche, Hofkirche und Canalettos Blick

Zur selben Zeit, in der der katholische König seine Residenz verschönerte, setzten die evangelischen Bürger Dresdens ihr eigenes Zeichen. Die alte Frauenkirche war baufällig und zu klein geworden. Der Rat beauftragte den Ratszimmermeister George Bähr mit einem Neubau, und Bähr entwarf etwas, das es so noch nicht gegeben hatte: eine evangelische Predigtkirche mit zentralem Grundriss, in der jeder den Prediger sehen und hören konnte, und darüber eine gewaltige Kuppel ganz aus Sandstein. Die Dresdner nannten sie die Steinerne Glocke. Gebaut wurde von 1726 bis 1743; Bähr selbst erlebte die Vollendung nicht mehr. Viele Fachleute zweifelten, ob die schwere Kuppel halten würde – sie hielt, mehr als zweihundert Jahre lang. Für Johann Sebastian Bach war die neue Silbermann-Orgel der Frauenkirche ein Ereignis; er spielte im Jahr 1736 darauf ein Konzert vor großem Publikum. Augusts Sohn, Friedrich August II., als polnischer König August III., war weniger Bauherr als Kunstsammler. Er kaufte für seine Gemäldegalerie Meisterwerke in ganz Europa, darunter im Jahr 1754 die Sixtinische Madonna von Raffael aus Piacenza – das Bild mit den beiden nachdenklichen Engelchen am unteren Rand, die heute auf unzähligen Postkarten zu sehen sind. Und weil der Hof katholisch war, das Land aber evangelisch, brauchte der König eine eigene große Kirche. Der italienische Baumeister Gaetano Chiaveri errichtete von 1739 bis 1755 die katholische Hofkirche direkt am Schloss, mit einem schlanken Turm als Gegenstück zur Kuppel der Frauenkirche. Über einen Gang war sie mit dem Schloss verbunden, damit die königliche Familie trockenen Fußes zur Messe kam. Heute ist sie die Kathedrale des Bistums Dresden-Meißen. Die Regierungsgeschäfte überließ August III. weitgehend seinem Minister Heinrich von Brühl, einem der mächtigsten und verschwenderischsten Männer seiner Zeit. Brühl besaß angeblich Hunderte Anzüge und Perücken – eine Anekdote, die man sich bis heute gern erzählt. Auf den alten Festungswällen an der Elbe ließ er sich Palais, Bibliothek und Garten anlegen. Daraus wurde die Brühlsche Terrasse, später der Balkon Europas genannt. In diesen Jahren kam auch ein junger venezianischer Maler an den Hof: Bernardo Bellotto, der sich wie sein berühmter Onkel Canaletto nannte. Er malte Dresden mit einer Genauigkeit, die bis heute verblüfft. Sein bekanntestes Bild zeigt die Stadt vom Neustädter Elbufer aus: die Augustusbrücke, die Hofkirche, die Kuppel der Frauenkirche, das Licht über dem Fluss. Dieser Blick heißt seitdem Canaletto-Blick, und man kann ihn noch heute vom rechten Elbufer aus genießen. Bellottos Bilder waren nach dem Zweiten Weltkrieg sogar eine Hilfe beim Wiederaufbau, weil sie zeigen, wie Plätze und Fassaden einmal aussahen. Dresden war in dieser Zeit eine der großen Kunststädte Europas, mit Musik, Oper, Theater und Sammlungen. Später, um 1802, sprach der Dichter Johann Gottfried Herder vom deutschen Florenz – daraus wurde der Beiname Elbflorenz, den die Stadt bis heute trägt. Doch der Glanz hatte seinen Preis: Die Staatskasse war leer, das Heer klein, und in Preußen saß ein Nachbar, der auf genau diese Schwäche wartete.

7. Dresden in den Kriegen des 18. Jahrhunderts

Der Nachbar hieß Friedrich II. von Preußen, später der Große genannt. Schon im Österreichischen Erbfolgekrieg geriet Sachsen zwischen die Fronten. Am 15. Dezember 1745 schlugen die Preußen die sächsische Armee bei Kesselsdorf, nur wenige Kilometer westlich der Stadt, und zogen in Dresden ein. Am ersten Weihnachtstag wurde hier der Frieden von Dresden geschlossen; Friedrich behielt Schlesien. Elf Jahre später kam es schlimmer. Im August 1756 marschierte Friedrich ohne Kriegserklärung in Sachsen ein – der Beginn des Siebenjährigen Krieges. Am 9. September zog er in Dresden ein. Die kleine sächsische Armee hatte sich in ein befestigtes Lager zwischen Pirna und der Festung Königstein zurückgezogen. Dort wurde sie eingeschlossen, hungerte wochenlang und musste im Oktober 1756 unterhalb des Liliensteins kapitulieren. Die Soldaten wurden gezwungen, in die preußische Armee einzutreten; viele liefen bei der ersten Gelegenheit davon. Diese Geschichte erzähle ich Ihnen gern noch genauer, wenn Sie nach Pirna fragen. König August III. floh nach Warschau, die Königin blieb in Dresden zurück. Der Krieg zog sich hin, und Dresden wechselte mehrmals den Besitzer. 1758 ließ der preußische Stadtkommandant, um freies Schussfeld zu haben, Teile der Vorstädte in Brand setzen. Im September 1759 eroberten österreichische und Reichstruppen die Stadt zurück. Im Juli 1760 kam Friedrich wieder und versuchte, Dresden mit Gewalt zurückzuholen. Er ließ die Stadt tagelang mit schweren Geschützen beschießen. Ganze Straßenzüge gingen in Flammen auf, Hunderte Häuser wurden zerstört. Die Kreuzkirche brannte aus und stürzte ein. Bellotto, der Maler, hat ihre Ruine später auf einem erschütternden Bild festgehalten – mit Menschen, die zwischen den Trümmern umhergehen. Die Frauenkirche dagegen hielt stand. Man erzählte sich, die Kanonenkugeln seien von der steinernen Kuppel einfach abgeprallt. Ob das stimmt, wissen wir nicht genau, doch die Kirche überstand die Beschießung tatsächlich – was ihren Ruf als unzerstörbares Wahrzeichen begründete. Friedrich gelang es nicht, die Stadt einzunehmen, und er zog ab. Der Krieg endete 1763 mit dem Frieden von Hubertusburg, einem Jagdschloss in Sachsen. Für Dresden war die Bilanz bitter: zerstörte Vorstädte, eine verwüstete Altstadt, ein ruiniertes Land. Bis die Einwohnerzahl wieder den Stand von vor dem Krieg erreichte, vergingen Jahrzehnte. Und doch zeigte sich, dass der Kunstsinn der Stadt die Katastrophe überdauerte. Unter dem jungen Kurfürsten Friedrich August III., der 1763 als Kind auf den Thron kam und zunächst unter Vormundschaft regierte, wurde 1764 die Kunstakademie gegründet. Sparsamkeit und eine geordnete Verwaltung ersetzten die Verschwendung der Brühl-Zeit; man nannte den neuen Herrscher später Friedrich August den Gerechten. Die Kreuzkirche wurde in neuer Gestalt wieder aufgebaut, und Dresden begann sich langsam zu erholen. Doch kaum war eine Generation vergangen, standen wieder fremde Armeen vor den Toren – und diesmal kam der mächtigste Mann Europas selbst.

9. Romantiker, Revolution und Eisenbahn

Nach den Kriegen wurde Dresden zu einem Sehnsuchtsort der Romantik. Der Maler Caspar David Friedrich lebte seit 1798 in der Stadt und malte hier seine berühmtesten Bilder, viele davon nach Wanderungen in der Sächsischen Schweiz. Mit ihm befreundet war der Arzt und Maler Carl Gustav Carus; der Norweger Johan Christian Clausen Dahl wohnte mit Friedrich unter einem Dach an der Elbe. Ludwig Richter zeichnete Dörfer, Kinder und Landschaften der Umgebung. Der Dichter Heinrich von Kleist verbrachte hier fruchtbare Jahre, und Carl Maria von Weber leitete ab 1817 die deutsche Oper am Hof. In einem Sommerhaus in Hosterwitz arbeitete er an Musik, die Generationen begeisterte. Die Stadt veränderte sich auch politisch. 1830 kam es zu Unruhen, und Sachsen bekam 1831 eine Verfassung. Unter König Anton entstanden Gasbeleuchtung, eine städtische Post und 1828 eine Technische Bildungsanstalt – der Ursprung der heutigen Technischen Universität. 1839 fuhr der erste Zug von Leipzig nach Dresden: die erste deutsche Fernbahn. Die erste in Deutschland gebaute Lokomotive, die Saxonia, kam aus der Maschinenbauanstalt Übigau in Dresden. Im gleichen Jahrzehnt baute Gottfried Semper das erste Hoftheater am Theaterplatz, das 1841 eröffnet wurde. Semper baute auch die Synagoge der jüdischen Gemeinde. Am Hof wirkte seit 1843 ein junger, rebellischer Kapellmeister: Richard Wagner. In Dresden kamen seine Opern Rienzi, Der fliegende Holländer und Tannhäuser auf die Bühne. Wagner war begeistert von den Ideen von Freiheit und Einheit, die damals in Europa gärten. Im Revolutionsjahr 1848 forderten Bürger überall in Deutschland Verfassungen und ein gemeinsames Parlament. Als der sächsische König im Frühjahr 1849 die Reichsverfassung ablehnte, brach in Dresden der Maiaufstand aus. Vom 3. bis 9. Mai 1849 standen Barrikaden in den Straßen. Unter den Aufständischen waren Wagner, der Architekt Semper, der eine besonders gute Barrikade entworfen haben soll, und der russische Anarchist Michail Bakunin. Sächsische und preußische Truppen schlugen den Aufstand blutig nieder. Wagner und Semper mussten fliehen und lebten viele Jahre im Exil; Wagner wurde steckbrieflich gesucht. Nach 1850 wuchs Dresden rasant. 1852 überschritt die Einwohnerzahl die Grenze von hunderttausend – Dresden war Großstadt. Neue Vorstädte entstanden, Fabriken siedelten sich an. Im Jahr 1869 brannte Sempers Hoftheater ab. Semper, der inzwischen in der Schweiz und in Wien lebte, entwarf ein neues, noch prächtigeres Haus; sein Sohn Manfred leitete den Bau. 1878 wurde es eröffnet – die Semperoper, wie wir sie heute kennen. Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 blieb Sachsen ein eigenes Königreich mit eigener Armee, und Dresden wurde eine große Garnisonsstadt. Im Norden entstand die Albertstadt, eine ganze Stadt aus Kasernen, Zeughäusern und Exerzierplätzen. Aus der Romantikerstadt war eine selbstbewusste moderne Großstadt geworden – und um die Jahrhundertwende sollte sie einen Glanz erreichen, der sich mit der Barockzeit messen konnte.

10. Die Elbe, die Dampfer und die Weinberge

Ohne die Elbe gäbe es Dresden nicht. Der Fluss war über Jahrhunderte die wichtigste Straße der Stadt. Auf ihm kamen Holz aus dem Erzgebirge und aus Böhmen, Getreide, Salz und vor allem Sandstein aus der Sächsischen Schweiz. Die Frauenkirche, der Zwinger, die Hofkirche – fast alle großen Bauten der Stadt sind aus Elbsandstein errichtet, der in den Brüchen um Pirna, Wehlen und Rathen gebrochen und auf Kähnen elbabwärts gebracht wurde. Stromaufwärts wurden die Schiffe von Menschen und später von Pferden an langen Leinen gezogen, auf den Leinpfaden, die man an vielen Stellen des Elberadwegs noch erkennt. Im Jahr 1837 begann eine neue Zeit: Die ersten Dampfschiffe fuhren auf der sächsischen Elbe. Aus den Anfängen entstand die Sächsische Dampfschiffahrt, die heute die älteste und größte Raddampferflotte der Welt besitzt. Die meisten ihrer historischen Schiffe sind über hundert Jahre alt; im Sommer fahren sie von Dresden durch das Elbtal bis in die Sächsische Schweiz. Wer von hier aus mit dem Dampfer nach Pirna, Wehlen, Rathen oder Bad Schandau fährt, reist also genau auf dem Weg, auf dem einst die Steine für Dresden kamen. Mit der Kettenschifffahrt kam um 1870 eine merkwürdige Technik dazu: Auf dem Grund der Elbe lag eine lange Kette, an der sich Kettendampfer flussaufwärts zogen und dabei Lastkähne schleppten. Die Elbe war aber nicht nur Verkehrsweg, sondern auch Gefahr. Hochwasser gehören zur Geschichte der Stadt, von den großen Fluten des Mittelalters über die sächsische Sintflut von 1845 bis zum Jahrhunderthochwasser 2002. An der Brühlschen Terrasse und an manchen Häusern zeigen Marken, wie hoch das Wasser stand. Dass die Elbwiesen in Dresden so breit und grün geblieben sind, hat auch damit zu tun: Man baute klugerweise nicht in die Aue hinein. Diese Wiesen, die mitten durch die Stadt laufen, gehören heute zu dem, was Besucher an Dresden am meisten lieben. Elbaufwärts reihen sich am Hang von Loschwitz drei Schlösser aneinander, die Albrechtsschlösser und das Schloss Eckberg, gebaut im neunzehnten Jahrhundert für Prinzen und reiche Kaufleute. Weiter oben liegt Pillnitz mit dem Sommerschloss der Könige, direkt am Wasser, mit einer Treppe, an der die Gondeln des Hofes anlegten. Und überall an den sonnigen Südhängen wächst Wein. Der Weinbau im Elbtal ist seit dem Mittelalter belegt; das Gebiet zwischen Pirna, Dresden, Meißen und Diesbar-Seußlitz gehört zu den nördlichsten Weinbaugebieten Europas. Kurfürsten und Könige besaßen eigene Weinberge, und in Wachwitz, Pillnitz und Radebeul erinnern Winzerhäuser und Weinbergsmauern daran. Im neunzehnten Jahrhundert vernichtete die Reblaus fast alle Rebstöcke; erst nach und nach wurden die Hänge wieder bepflanzt. Heute kann man auf dem Sächsischen Weinwanderweg von Pirna bis Diesbar-Seußlitz durch die Weinberge laufen und in kleinen Straußwirtschaften den Wein der Gegend probieren. Wenn Sie also an einem Sommerabend auf einem Dampfer sitzen, die Weinberge vorbeiziehen sehen und die Kuppel der Frauenkirche näherkommt, dann erleben Sie Dresden so, wie es Generationen von Reisenden vor Ihnen erlebt haben – vom Fluss aus, der die Stadt geschaffen hat.

11. Großstadt um 1900: Odol, Fürstenzug und Blaues Wunder

Um das Jahr 1900 war Dresden eine der reichsten und schönsten Großstädte Europas. Durch Wachstum und Eingemeindungen stieg die Zahl der Einwohner auf über eine halbe Million; Dresden gehörte zu den größten Städten des Deutschen Reiches. Vor allem in den Villenvierteln an den Elbhängen, in Blasewitz, Loschwitz und auf dem Weißen Hirsch, ließen sich wohlhabende Fabrikanten, Offiziere, Künstler und Rentiers nieder. Das Sanatorium von Heinrich Lahmann auf dem Weißen Hirsch zog Gäste aus aller Welt an. Dresden war eine Stadt der Tüftler. Hier entstanden Zigaretten, Schokolade, Nähmaschinen, Kameras und vieles mehr. Karl August Lingner wurde mit dem Mundwasser Odol zum Millionär. Melitta Bentz erfand 1908 in Dresden den Kaffeefilter, und die Zahnpasta Chlorodont kam ebenfalls von hier. Die Tabakfabrik Yenidze ließ sich 1909 ein Fabrikgebäude im Stil einer Moschee bauen – mit einer bunten Glaskuppel, unter der man heute Märchen erzählt bekommt. Lingner, der Odol-König, wollte mehr als Geld verdienen: Er wollte die Menschen über Gesundheit aufklären. 1911 organisierte er die Internationale Hygiene-Ausstellung, die Millionen Besucher anzog, und gründete das Deutsche Hygiene-Museum, das 1930 seinen großen Bau am Großen Garten bekam. Sein berühmtestes Exponat war der Gläserne Mensch. Auch die Technik veränderte das Stadtbild. 1893 wurde zwischen Blasewitz und Loschwitz eine kühne Stahlbrücke ohne Strompfeiler eröffnet. Die Dresdner tauften sie das Blaue Wunder – wegen ihres Anstrichs und weil man kaum glauben konnte, dass sie hält. Kurz danach fuhren auf die Loschwitzer Höhen eine Standseilbahn und ab 1901 eine Schwebebahn, die heute als älteste Bergschwebebahn der Welt gilt. Elektrische Straßenbahnen ersetzten die Pferdebahn. 1910 wurde das Neue Rathaus eingeweiht, auf dessen Turm der vergoldete Rathausmann über die Stadt wacht. Und an der langen Mauer des Stallhofs entstand ein Kunstwerk, das jeder Besucher kennt: der Fürstenzug. Der Maler Wilhelm Walther brachte in den 1870er Jahren einen über hundert Meter langen Reiterzug der sächsischen Herrscher an die Wand, von Konrad dem Großen bis König Georg. Weil die Bemalung verwitterte, übertrug man das Bild zwischen 1904 und 1907 auf etwa 23.000 Fliesen aus Meißner Porzellan. Sie überstanden sogar den Feuersturm von 1945 nahezu unbeschadet. Am Rand des Zuges hat sich Walther übrigens selbst verewigt, zusammen mit anderen Künstlern und Handwerkern. Im Norden der Stadt gründete der Möbelfabrikant Karl Schmidt 1909 die Gartenstadt Hellerau, die erste deutsche Gartenstadt: ein Ort, an dem Arbeiter in gesunden Häusern mit Gärten leben sollten, mit einem Festspielhaus für Tanz und Musik. Und vier junge Architekturstudenten gründeten 1905 in Dresden die Künstlergruppe Brücke – Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl. Mit leuchtenden, wilden Farben begründeten sie den Expressionismus. Dresden war um 1900 also beides: königliche Residenz voller Tradition und eine Werkstatt der Moderne.

12. Musikstadt Dresden

Dresden ist eine Stadt der Musik, und das seit fast fünfhundert Jahren ohne Unterbrechung. Am Anfang stehen zwei Klangkörper, die beide bis heute bestehen: der Kreuzchor, dessen Geschichte bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückreicht, und die Hofkapelle, die Kurfürst Moritz 1548 gründete. Aus ihr ist die Sächsische Staatskapelle geworden, eines der ältesten Orchester der Welt. Richard Wagner nannte sie einmal eine Wunderharfe. Über die Jahrhunderte wirkten in Dresden Komponisten, deren Namen jeder kennt. Heinrich Schütz prägte im siebzehnten Jahrhundert die evangelische Kirchenmusik. Im achtzehnten Jahrhundert machte Johann Adolph Hasse die Dresdner Hofoper mit italienischen Opern berühmt; Johann Sebastian Bach kam mehrmals zu Besuch, bewarb sich um einen Hoftitel und spielte auf den neuen Orgeln der Stadt. Im neunzehnten Jahrhundert schuf Carl Maria von Weber mit der deutschen Oper am Dresdner Hof die Grundlagen für eine eigene, deutsche Operntradition. Richard Wagner brachte hier als Hofkapellmeister mehrere seiner Werke heraus, bevor er nach dem Maiaufstand 1849 fliehen musste. Robert Schumann und Clara Schumann lebten einige Jahre in Dresden. Dann kam Richard Strauss. Zwischen 1901 und 1938 wurden neun seiner Opern in Dresden uraufgeführt, darunter Salome im Jahr 1905, Elektra 1909 und vor allem der Rosenkavalier 1911. Für den Rosenkavalier setzte die Eisenbahn damals Sonderzüge von Berlin nach Dresden ein, so groß war der Andrang. Strauss fühlte sich dem Dresdner Orchester und dem Haus sein Leben lang eng verbunden. Auch in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts blieb Dresden ein wichtiger Ort. Die Dresdner Philharmonie wurde zu einem zweiten großen Orchester der Stadt. Im Hellerauer Festspielhaus entwickelte Émile Jaques-Dalcroze eine neue Lehre von Musik und Bewegung, die Tänzer und Pädagogen aus ganz Europa anzog; daran knüpften Mary Wigman und Gret Palucca mit dem modernen Tanz an. Der Krieg zerstörte die Semperoper und die Kreuzkirche, doch die Musik hörte nie ganz auf. Schon wenige Monate nach dem Februar 1945 sang der Kreuzchor wieder, zunächst in Notquartieren. Sein Kantor Rudolf Mauersberger schrieb unter dem Eindruck der Zerstörung eine Trauermotette nach Worten aus den Klageliedern Jeremias – Wie liegt die Stadt so wüst –, die bis heute jedes Jahr zum Gedenken gesungen wird. Die Staatskapelle spielte nach dem Krieg jahrzehntelang in Ausweichquartieren, bis die Semperoper 1985 wieder öffnete. Heute ist das Musikleben Dresdens reicher als je zuvor. Die Semperoper, der Kulturpalast mit seinem neuen Konzertsaal, die Kreuzkirche mit Vespern und Motetten, die Frauenkirche mit ihren Konzerten, die Dresdner Musikfestspiele im Frühsommer und das Dixieland-Festival, eines der größten seiner Art in Europa – wer ein paar Tage im Bielatal verbringt, findet fast an jedem Abend ein Konzert in Dresden. Ein Tipp für einen Ausflug: Die Vesper des Kreuzchors am Samstagnachmittag ist auch für Gäste ohne teure Karten ein wunderbares Erlebnis – nur früh da sein sollte man, denn die Plätze sind begehrt.

13. Zwischen Moderne und Diktatur (1918–1945)

Im November 1918, am Ende des Ersten Weltkriegs, ging die Monarchie in Sachsen zu Ende. König Friedrich August III. dankte ab; der Überlieferung nach soll er dabei sinngemäß gesagt haben, die Leute sollten ihren Kram nun alleine machen – ob er es wirklich so gesagt hat, ist nicht sicher, doch der Satz wurde in Sachsen sprichwörtlich. Aus dem Königreich wurde der Freistaat Sachsen mit Dresden als Hauptstadt. In den 1920er Jahren erlebte die Stadt eine neue Blüte der Künste. An der Akademie lehrten Oskar Kokoschka und später Otto Dix, der hier sein großes Antikriegsbild Der Krieg malte. Die Tänzerinnen Mary Wigman und Gret Palucca machten Dresden zu einem Zentrum des modernen Ausdruckstanzes. In der Neustadt war 1899 Erich Kästner geboren worden, der in seinen Erinnerungen das Dresden seiner Kindheit liebevoll beschrieb. Dresden wuchs weiter: 1933 zählte die Stadt rund 640.000 Einwohner, so viele wie nie zuvor und nie wieder danach. Doch mit dem Jahr 1933 endete diese offene, moderne Zeit. Die Nationalsozialisten übernahmen die Macht auch in Sachsen. Schon im Frühjahr 1933 brannten in Dresden Bücher. Im Herbst des Jahres zeigte die Stadt eine der ersten Ausstellungen, mit denen die neuen Machthaber moderne Kunst als entartet verhöhnten; Werke von Dix und anderen Dresdner Künstlern wurden aus den Museen entfernt. Dix verlor seine Professur. Für die Dresdner Juden begann eine Zeit der Ausgrenzung, Enteignung und Verfolgung. Einer von ihnen war der Romanist Victor Klemperer, Professor an der Technischen Hochschule. Er verlor 1935 seine Stelle und schrieb über die ganzen Jahre heimlich Tagebuch. Diese Tagebücher gehören heute zu den eindringlichsten Zeugnissen des Alltags unter der Diktatur – genau beobachtet, nüchtern und erschütternd. In der Nacht der Novemberpogrome 1938 setzten SA-Männer die Synagoge in Brand, die Gottfried Semper gebaut hatte. Ein Feuerwehrmann rettete den Davidstern von der Kuppel und versteckte ihn. Dieser Stern ziert heute die Neue Synagoge, die 2001 an derselben Stelle eingeweiht wurde. Von den rund 4400 Dresdner Juden des Jahres 1933 lebten bei Kriegsende nur noch wenige Dutzend in der Stadt; die meisten waren geflohen, vertrieben oder in den Lagern ermordet worden. Dresden war im Krieg Garnison, Verkehrsknoten und Standort von Rüstungsbetrieben, in denen auch Zwangsarbeiter schuften mussten. Lange blieb die Stadt von großen Luftangriffen verschont, und viele glaubten, Dresden werde wegen seiner Kunstschätze nicht angegriffen. Mit den Flüchtlingstrecks aus dem Osten füllte sich die Stadt im Winter 1944/45 mit Menschen. Wie es weiterging, erzähle ich Ihnen im nächsten Kapitel – es ist das schwerste dieser Geschichte.

15. Ruinen und Wiederaufbau in der DDR

Nach dem Krieg lag Dresden in Trümmern. Frauen und Männer räumten Stein für Stein beiseite, eine Trümmerbahn fuhr den Schutt aus der Innenstadt. Viele Ruinen wurden gesprengt, ganze Straßenzüge verschwanden. Dresden gehörte nun zur sowjetischen Besatzungszone und ab 1949 zur DDR. Über den Wiederaufbau wurde heftig gestritten: Sollte man die alte Stadt wiederherstellen oder eine neue, sozialistische Stadt bauen? Am Ende geschah beides. Einige der großen Bauten wurden mit enormem Aufwand gerettet. Der Zwinger wurde unter dem Architekten Hubert Ermisch Schritt für Schritt wieder aufgebaut, die Hofkirche, das Albertinum und die Kreuzkirche ebenfalls. Die Gemälde der Galerie Alte Meister waren im Krieg in Stollen und Bergwerken versteckt worden; die Rote Armee brachte sie in die Sowjetunion. Mitte der 1950er Jahre kehrten die meisten zurück, auch die Sixtinische Madonna, und die Galerie öffnete wieder. Andere Bauten fielen dem neuen Plan zum Opfer. Die Ruine der gotischen Sophienkirche am Postplatz wurde 1962 und 1963 abgerissen, obwohl viele Dresdner dagegen protestierten. Die Altstadt bekam breite Straßen und neue Gebäude. Ab Mitte der 1960er Jahre entstand die Prager Straße als großzügige Fußgängerzone mit Hotels und langen Wohnblöcken, 1969 wurde der Kulturpalast am Altmarkt eröffnet. Am Stadtrand wuchsen große Neubaugebiete aus Plattenbauten, etwa in Prohlis und Gorbitz, in denen Zehntausende Menschen moderne Wohnungen bekamen. Die Ruine der Frauenkirche blieb liegen. Der Trümmerberg mit den beiden Mauerresten wurde zum Mahnmal gegen den Krieg erklärt. In den 1980er Jahren kamen am 13. Februar junge Leute mit Kerzen zur Ruine, um für Frieden und Abrüstung zu demonstrieren – ein mutiger Schritt in einem Staat, der solche Versammlungen nicht duldete. Ein großes Ereignis war der 13. Februar 1985: Genau vierzig Jahre nach der Zerstörung wurde die wieder aufgebaute Semperoper mit Webers Freischütz eröffnet. Viele Dresdner erinnern sich noch heute an diesen Abend. Dresden war in der DDR eine Stadt der Wissenschaft und der Technik. An der Technischen Universität und in den Betrieben wurde geforscht und entwickelt; Dresden lag bei den Patenten weit vorn. Mit dem Kombinat Robotron und der Mikroelektronik wurden hier Grundlagen gelegt, auf denen die Stadt später aufbauen konnte. Gleichzeitig galt Dresden als Tal der Ahnungslosen: Wegen der Lage im Elbtal konnte man hier das westdeutsche Fernsehen kaum empfangen, anders als in den meisten Teilen der DDR. Das führte zu manchem Witz – und zu einer besonderen Neugier auf alles, was von drüben kam. Ende der 1980er Jahre wuchs auch in Dresden die Unzufriedenheit: über marode Altbauten, verschmutzte Luft, fehlende Reisefreiheit und Bevormundung. Im Herbst 1989 sollte sich zeigen, wie groß der Mut der Menschen geworden war.

16. Wende, Frauenkirche und das Dresden von heute

Anfang Oktober 1989 fuhren Sonderzüge mit Tausenden DDR-Bürgern, die in die Prager Botschaft der Bundesrepublik geflohen waren, durch Dresden in den Westen. Am Hauptbahnhof versammelten sich Menschen, die mitwollten, und am 4. Oktober kam es zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei. In den folgenden Tagen demonstrierten immer mehr Dresdner. Am 8. Oktober wurde aus einer eingekesselten Menge auf der Prager Straße heraus eine Gruppe von zwanzig Leuten gewählt, die Gruppe der 20, die mit dem Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer verhandelte – einer der ersten Dialoge zwischen Bürgern und Staatsmacht in der DDR. Nach dem Fall der Mauer sprach Bundeskanzler Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 vor der Ruine der Frauenkirche zu rund hunderttausend Menschen. Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wurde Dresden Landeshauptstadt des wiedergegründeten Freistaates Sachsen. Bald darauf rief eine Bürgerinitiative mit dem Ruf aus Dresden zum Wiederaufbau der Frauenkirche auf. Was viele für unmöglich hielten, gelang: Spender aus aller Welt gaben Geld, Archäologen bargen die Steine aus dem Trümmerberg und vermaßen jeden einzelnen. Tausende der alten Steine wurden wieder eingebaut; sie sind als dunkle Flecken in der hellen Fassade gut zu erkennen. Das goldene Turmkreuz schuf ein britischer Goldschmied, dessen Vater als Bomberpilot an den Angriffen auf deutsche Städte beteiligt gewesen war – ein Geschenk aus Großbritannien und ein Zeichen der Versöhnung. Am 30. Oktober 2005 wurde die Frauenkirche geweiht. Inzwischen sind rund um den Neumarkt auch viele der alten Bürgerhäuser nach historischen Vorbildern wiedererstanden. Dresden erlebte in diesen Jahren auch schwere Prüfungen. Im August 2002 stieg die Elbe auf über neun Meter; Altstadt, Zwinger und Semperoper standen unter Wasser, der Hauptbahnhof wurde von der Weißeritz überflutet. Nach dem nächsten großen Hochwasser 2013 waren die Schäden dank neuer Schutzanlagen deutlich geringer. Das Dresdner Elbtal wurde 2004 Welterbe der UNESCO – und verlor diesen Titel 2009 wieder, als Erstes in Europa, weil die Stadt die Waldschlößchenbrücke baute. Die Bürger hatten sich in einem Entscheid für die Brücke ausgesprochen; der Streit darüber spaltete die Stadt. In der Nacht zum 11. September 2024 stürzte ein Teil der Carolabrücke in die Elbe – zum Glück in einer Nacht, in der niemand auf ihr unterwegs war. Heute ist Dresden mit über einer halben Million Einwohnern wieder eine lebendige Großstadt. Die Mikroelektronik hat sich angesiedelt, die Region nennt sich gern Silicon Saxony. Die Technische Universität gehört zu den großen Hochschulen Deutschlands. Das Grüne Gewölbe ist ins Schloss zurückgekehrt, und die Staatskapelle spielt in der Semperoper wie seit Jahrhunderten. Die Stadt streitet auch – über Politik, über Erinnerung, über Brücken. Doch wer am Abend auf der Brühlschen Terrasse steht, auf die Elbe, die Brücken und die Kuppel der Frauenkirche schaut, versteht, warum Menschen diese Stadt seit achthundert Jahren immer wieder aufgebaut haben.

Stand: 10/2026

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