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Stadtgeschichte Pirna

1. Feuersteine, Slawen und der Name Pirna

Pirna liegt an einer besonderen Stelle: Hier tritt die Elbe aus dem engen Tal des Elbsandsteingebirges heraus in die weite Dresdner Elbtalweite. Wer elbaufwärts reiste, ließ hinter Pirna das flache Land zurück; wer elbabwärts kam, hatte die Felsen und Schluchten gerade hinter sich. Deshalb nennt man Pirna bis heute das Tor zur Sächsischen Schweiz. Menschen haben diese Lage schon sehr früh geschätzt. Die ältesten Spuren sind Werkzeuge aus Feuerstein, die Jäger und Sammler am Ende der letzten Eiszeit hinterließen, vor zehn- bis vierzehntausend Jahren. Als die Menschen sesshaft wurden, siedelten sich auf den fruchtbaren Lößböden rund um Pirna die ersten Bauern an, die Menschen der Bandkeramik, vor mehr als siebentausend Jahren. Später lebten hier Völker der Bronze- und Eisenzeit, und im vierten Jahrhundert vor Christus kamen germanische Stämme ins Elbtal, die in der Zeit der Völkerwanderung wieder abzogen. Um das Jahr 600 nach Christus wanderten slawische Familien ein, die Vorfahren der Sorben. Sie rodeten den Wald, legten Dörfer an und gaben vielen Orten ihre Namen – Dohna, Zehista, Copitz, Pratzschwitz und viele andere Ortsnamen rund um Pirna klingen bis heute slawisch. Auch der Name Pirna selbst stammt aus dieser Zeit. Die Sprachforscher führen ihn heute meist auf ein altsorbisches Wort zurück, das mit glühender Asche oder Feuer zu tun hat. Vielleicht war hier eine Stelle, an der man den Wald mit Feuer gerodet hatte, vielleicht ein Ort, an dem Feuer brannten. Ganz sicher ist das nicht, wie so oft bei alten Ortsnamen. Eine andere, viel hübschere Erklärung erzählen sich die Pirnaer seit Jahrhunderten: Der Name komme von der Birne. Im Stadtwappen steht tatsächlich ein Birnbaum, und es gibt eine alte Sage dazu, die ich Ihnen gern erzähle, wenn Sie nach den Sagen von Pirna fragen. Die Wissenschaft hält diese Deutung allerdings für eine spätere, romantische Erfindung – die Birne kam wohl erst ins Wappen, weil der Name so ähnlich klang. Die Slawen lebten lange ohne Herren aus dem Westen. Das änderte sich, als der deutsche König Heinrich I. im Jahr 929 die Burg Meißen gründete und das Land an der Elbe Schritt für Schritt unter die Herrschaft des Reiches kam. Nach und nach entstanden im Gau Nisan, wie man das Gebiet um Dresden und Pirna nannte, Burgen, Kirchen und deutsche Siedlungen. Auf dem Felsen über der Elbe, wo heute das Schloss Sonnenstein steht, gab es vermutlich schon im elften Jahrhundert eine Burg. Von dort oben ließ sich der Fluss gut überwachen – und damit der Handel, der auf ihm zwischen Böhmen und dem Meißner Land hin und her ging. Unterhalb der Burg, am Ufer, entstand ein Platz, an dem Händler ihre Waren tauschten. Aus diesem Marktplatz unter der Burg sollte im dreizehnten Jahrhundert die Stadt Pirna werden. Wenn Sie heute auf dem Pirnaer Markt stehen und zum Sonnenstein hinaufschauen, sehen Sie also noch immer die beiden Keimzellen der Stadt: oben die Burg, unten den Markt.

2. Burg, Markt und Stadtrecht

Im Jahr 1233 taucht Pirna zum ersten Mal in einer Urkunde auf. Das Schriftstück regelt Rechte zwischen dem Kaiser und den Landesherren in der Mark Meißen, und Pirna wird darin als Ort genannt, der schon eine gewisse Bedeutung hatte. Wenig später, um 1245, ist Pirna eine Stadt mit eigenem Recht; Stadtherr war der Markgraf von Meißen. Die Burg auf dem Felsen wird 1269 erstmals ausdrücklich erwähnt. Ein Stadtrecht bedeutete im Mittelalter sehr viel: Die Bürger durften sich selbst verwalten, einen Rat wählen, Märkte abhalten und eigene Gerichte haben. Dafür schützten sie ihre Stadt mit Mauern und Toren und zahlten Abgaben an den Stadtherrn. Pirna wurde planmäßig angelegt, mit einem großen rechteckigen Markt in der Mitte und Straßen, die sich in einem regelmäßigen Gitter darum legen. Dieses Grundmuster können Sie in der Altstadt bis heute ablesen: Vom Markt aus führen die Lange Straße, die Schmiedestraße und die Dohnaische Straße in die verschiedenen Richtungen, so wie sie es seit über siebenhundert Jahren tun. Die Stadt lebte vom Fluss. Die Elbe war damals die wichtigste Verkehrsader zwischen Böhmen und den Ländern im Norden bis hinunter nach Hamburg. Aus Böhmen kamen Getreide, Holz und andere Waren, in die Gegenrichtung Salz, Fisch, Tuche. Pirna lag genau dort, wo die Schiffer nach dem Durchqueren des Gebirges einen sicheren Hafen und einen Markt fanden. Bald bekam die Stadt ein Vorrecht, das ihren Reichtum begründete: das Stapelrecht. Es verpflichtete die Schiffer, die an Pirna vorbeifuhren, ihre Waren hier für eine bestimmte Zeit auszuladen und den Pirnaer Bürgern zum Kauf anzubieten. Erst danach durften sie weiterfahren. Für die Kaufleute der Stadt war das ein glänzendes Geschäft: Sie hatten den ersten Zugriff auf alles, was den Fluss herunterkam, und konnten mit Gewinn weiterhandeln. Für die Schiffer war es ein Ärgernis, und Streit mit Dresden und anderen Städten blieb nicht aus. Im Lauf des dreizehnten Jahrhunderts wechselten die Herren über Pirna mehrfach. Zeitweise hatte der Bischof von Meißen Rechte an Stadt und Burg, dann wieder der Markgraf. Im Jahr 1293 kam es zu einem Wechsel, der Pirnas Geschichte für mehr als ein Jahrhundert prägen sollte: König Wenzel II. von Böhmen erwarb Stadt und Burg. Pirna wurde böhmisch – und blieb es bis zum Jahr 1405. Für die Pirnaer war das kein Unglück. Böhmen war unter seinen Königen aus dem Haus der Přemysliden und später der Luxemburger ein reiches und mächtiges Land, und Prag war eine der großen Städte Europas. Eine Handelsstadt an der Grenze zu diesem Land, an seinem wichtigsten Fluss, hatte gute Aussichten. Wie Pirna diese böhmische Zeit erlebte, erzähle ich Ihnen im nächsten Kapitel.

3. Eine böhmische Stadt an der Elbe

Gut hundert Jahre lang, von 1293 bis 1405, gehörte Pirna zum Königreich Böhmen. Die böhmischen Könige wussten, was sie an dieser Stadt hatten, und förderten sie. 1325 bestätigte König Johann von Böhmen, genannt Johann der Blinde, ausdrücklich die Privilegien der Stadt, vor allem das wertvolle Stapelrecht. Johann ist eine der schillerndsten Figuren des Mittelalters: ein Ritterkönig, der durch ganz Europa zog und, obwohl er im Alter erblindet war, 1346 in der Schlacht bei Crécy in Frankreich in vorderster Reihe fiel. Sein Sohn Karl wurde als Karl IV. römisch-deutscher Kaiser und machte Prag zu einer glanzvollen Residenz. 1351 fand in Pirna sogar ein Fürstentag statt, eine Zusammenkunft von Fürsten unter Karls Leitung, auf der Streitigkeiten um die Mark Brandenburg verhandelt wurden. Für eine Landstadt an der Elbe war das eine große Ehre. In dieser Zeit entstand auch das Dominikanerkloster. Um 1300 ließen sich Mönche des Predigerordens in Pirna nieder, 1307 wird das Kloster erstmals genannt. Die Dominikaner waren ein Bettelorden, der in den Städten predigte und lehrte. Ihre Klosterkirche St. Heinrich ist eine schlichte zweischiffige Halle mit wertvollen Wandmalereien aus dem frühen fünfzehnten Jahrhundert. Von den Klostergebäuden sind der Kapitelsaal und das Sommerrefektorium erhalten; im Klosterhof ist heute das Stadtmuseum untergebracht. Schon 1317 wird außerdem eine Schule in Pirna erwähnt. Um 1400 geriet die Gegend in eine gewalttätige Zeit. Die Burggrafen von Dohna, ein altes Adelsgeschlecht mit Sitz auf der Burg über dem Müglitztal, lagen in einer erbitterten Fehde mit dem Markgrafen von Meißen. Diese Dohnaische Fehde begann der Überlieferung nach mit einem Streit beim Tanz in Dresden und eskalierte zu einem regelrechten Kleinkrieg mit Überfällen und Belagerungen. Am Ende verloren die Dohnaer alles: Ihre Burg wurde erobert, ihre Herrschaft zerschlagen. Der Markgraf von Meißen nutzte die Gelegenheit, seine Macht im ganzen Gebiet auszubauen, und in den Jahren 1404 und 1405 kam auch Pirna an die Markgrafschaft Meißen. Von nun an war Pirna eine meißnische und später sächsische Stadt. Ganz erledigt war die Frage aber noch nicht: Formal blieb Pirna ein Lehen der böhmischen Krone, und erst der Vertrag von Eger im Jahr 1459 regelte die Grenze zwischen Sachsen und Böhmen auf Dauer – im Großen und Ganzen bis heute. Die Grenze, die Sie bei einem Ausflug nach Tschechien überqueren, geht in weiten Teilen auf diesen Vertrag zurück. Wenn Sie mögen, erzähle ich Ihnen dazu gern mehr. Die böhmische Vergangenheit hat in Pirna Spuren hinterlassen, nicht nur in den Urkunden. Die enge Verbindung über den Fluss blieb bestehen, Handel und Verwandtschaften reichten weit nach Böhmen hinein. Und als im siebzehnten Jahrhundert evangelische Böhmen ihre Heimat verlassen mussten, fanden Tausende von ihnen ausgerechnet in Pirna Zuflucht – aber das ist eine Geschichte für ein späteres Kapitel.

4. Stapelrecht, Schiffer und Sandstein

Im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert erlebte Pirna seine reichste Zeit. Die Stadt war ein Handelsplatz ersten Ranges an der Elbe, und die Kaufleute wurden wohlhabend. Das Stapelrecht zwang die vorbeifahrenden Schiffe, in Pirna anzulegen und ihre Waren anzubieten. Dazu kamen Zölle, Märkte und das Geld, das Fuhrleute, Flößer und Schiffer in den Gasthöfen der Stadt ließen. 1409 erlaubte der Landesherr einen freien Wochenmarkt am Sonnabend. Auf der Elbe fuhren damals Lastkähne, die flussabwärts mit der Strömung trieben und flussaufwärts mühsam gezogen werden mussten. Diese Arbeit machten Menschen, die Treidler oder Bomätscher, die mit Seilen über der Schulter am Ufer entlangliefen und die schweren Kähne Schritt für Schritt stromauf schleppten. Es war eine der härtesten Arbeiten, die es gab. Später übernahmen Pferde diese Aufgabe. Die Wege, auf denen sie gingen, die Leinpfade, kann man an vielen Stellen am Elberadweg noch erkennen. Neben dem Handel brachte ein zweites Gut Pirna Reichtum: der Sandstein. In den Brüchen elbaufwärts, bei Posta, Wehlen, Rathen und um Pirna selbst, wurde der feste, gut zu bearbeitende Elbsandstein gebrochen. Von Pirna aus ging er auf Schiffen nach Dresden, Meißen, Magdeburg, ja bis nach Hamburg und weiter. Viele berühmte Bauten in Norddeutschland und sogar im Ausland sind aus Sandstein aus der Gegend um Pirna gebaut. Die Steinbrecher und Steinmetzen hatten in Pirna einen besonderen Rang, und die Stadt wurde zu einem Zentrum der Baukunst. Hier gab es eine Bauhütte, also eine Werkstattgemeinschaft von Steinmetzen und Baumeistern, deren Meister weit über Pirna hinaus gefragt waren. Der bekannteste von ihnen war Peter Ulrich, genannt Peter von Pirna, der die große Stadtkirche begann – von ihr erzähle ich in einem eigenen Kapitel. Den Reichtum dieser Zeit sieht man der Altstadt bis heute an. Die Kaufleute bauten sich prächtige Häuser mit hohen Giebeln, Erkern und vor allem mit Sitznischenportalen: Hauseingängen, in deren steinernen Gewänden links und rechts kleine Sitzbänke mit kunstvoll gestalteten Muschelnischen eingearbeitet sind. Dort saßen die Hausherren und ihre Familien, plauderten mit den Nachbarn und behielten das Geschehen auf der Straße im Blick. Pirna besitzt eine der größten Sammlungen solcher Portale in ganz Sachsen. Besonders schön ist das am Peter-Ulrich-Haus am Markt, das sich der Baumeister 1506 selbst baute – es gilt als eines der ältesten und formvollendetsten Sitznischenportale Sachsens. Im Erdgeschoss dieses Hauses war von 1572 an die erste Apotheke der Stadt. Ein anderes schönes Portal hat das Haus an der Niederen Burgstraße 1, das der Baumeister Wolf Blechschmidt um 1544 umbaute, mit einem Brustbild des Meisters über dem Eingang. Wenn Sie durch Pirna schlendern, achten Sie einmal auf die Eingänge: Fast in jeder Gasse finden Sie solche steinernen Sitze, manche mit Wappen, Jahreszahlen oder Inschriften. Sie erzählen von einer Zeit, in der Pirna eine selbstbewusste, reiche Stadt war, die sich mit Dresden durchaus messen wollte.

5. Pirnisch Eisen – Pirna und das Bielatal

Ein Kapitel der Pirnaer Geschichte führt direkt zu Ihrer Unterkunft hier im Bielatal. In den Bergen südlich von Pirna, rund um Berggießhübel, Bad Gottleuba und im Tal der Biela, wurde seit dem Mittelalter Eisenerz gefördert – ein besonders reiches Magneteisenerz. Daraus entstand eine ganze Landschaft von Hammerwerken, Hochöfen und Köhlereien. Das Eisen aus diesem Gebiet nannte man Pirnisch Eisen, nach der Stadt, über die es gehandelt und verwaltet wurde. In Berggießhübel ist der Erzbergbau 1388 erstmals urkundlich bezeugt. In den Tälern von Gottleuba, Seidewitz und Biela entstanden im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert zahlreiche Hammerwerke. Das Prinzip war überall gleich: Ein Wasserrad am Bach trieb über eine lange Welle schwere Hämmer an, die das glühende Eisen schmiedeten und von Schlacke befreiten. Daneben brauchte man Holzkohle in riesigen Mengen, die Köhler in den Wäldern herstellten. Und man brauchte Menschen: Bergleute, Hammerschmiede, Fuhrleute, Köhler. Um das alles zu verwalten und zu besteuern, richtete der Landesherr im Jahr 1472 in Pirna eine Eisenkammer ein, eine Behörde, die für das gesamte Pirnaer Eisenrevier zuständig war. Sie bestand bis 1686. Pirna war also nicht nur Handelsstadt und Steinmetzzentrum, sondern auch die Hauptstadt eines frühen Industriegebiets. Das Hammergut Neidberg, in dem Sie wohnen, gehört genau in diese Geschichte. Es wird 1470 zum ersten Mal erwähnt, als smedeberg, also Schmiedeberg, genannt der Neytbergk. 1548 und noch im achtzehnten Jahrhundert ist es als Amtshammer verzeichnet – ein Hammerwerk unter der Aufsicht des Amtes Pirna. 1661 bekam Neidberg einen Hochofen und gehörte damit zu den Hochofenstandorten des Pirnisch Eisen. Die Biela, die heute so friedlich am Haus vorbeifließt, trieb damals die Räder an, und der Lärm der Hämmer war im ganzen Tal zu hören. Das Eisen aus dem Revier ging in Form von Stabeisen, Blechen und Werkzeugen in den Handel, ein Teil auch zu den Waffenschmieden. Der Erfolg hatte seine Schattenseiten: Die Hochöfen und Hämmer verschlangen so viel Holz, dass die Wälder ringsum kahl wurden. Holzmangel war im achtzehnten Jahrhundert eines der größten Probleme der Gegend. Dazu kam die Konkurrenz von billigerem Eisen aus anderen Gegenden, und im neunzehnten Jahrhundert verdrängten moderne Hütten mit Steinkohle die alten Holzkohle-Hochöfen. Die Hämmer im Bielatal wurden nach und nach zu Mühlen, Sägewerken und schließlich zu Wohnhäusern. Spuren aber gibt es bis heute: den alten Hochofen Brausenstein im Tal, Schlackenreste an den Ufern, Mühlgräben und die Namen vieler Häuser. Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, fragen Sie mich nach der Geschichte des Hammerguts oder des Bielatals – da gibt es noch viele Geschichten, von den Hammerherren bis zum Otternkönig.

6. Johann Tetzel und die Dominikaner

Um das Jahr 1465 wurde in Pirna ein Junge geboren, dessen Name später in jedem Geschichtsbuch stehen sollte: Johann Tetzel. Er war wohl der Sohn eines Goldschmieds; an der Schmiedestraße steht das sogenannte Tetzelhaus, das als sein Geburtshaus gilt, auch wenn das nicht ganz sicher ist. Tetzel studierte in Leipzig und trat dort in den Dominikanerorden ein – denselben Orden, der auch in Pirna ein Kloster hatte. Er war ein begabter, wortgewaltiger Prediger, und die Kirche setzte ihn für eine besondere Aufgabe ein: das Predigen von Ablässen. Ein Ablass war nach der damaligen Lehre ein Erlass von zeitlichen Sündenstrafen, also von Strafen, die eine Seele nach dem Tod im Fegefeuer verbüßen musste. Man bekam ihn für Gebete, Pilgerfahrten, gute Werke – und eben auch für Geld, das in die Kassen der Kirche floss. Im Jahr 1517 zog Tetzel im Auftrag des Erzbischofs Albrecht von Mainz durch Mitteldeutschland und warb für den großen Petersablass, mit dem unter anderem der Neubau des Petersdoms in Rom finanziert werden sollte. Seine Predigten waren drastisch: Er malte die Qualen der Verstorbenen im Fegefeuer aus und versprach Erlösung. Ihm wird der berühmte Spruch zugeschrieben: Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt. Ob er ihn genau so gesagt hat, wissen wir nicht – aber er traf den Kern dessen, was viele Menschen an diesem Handel empörte. Einer von ihnen war ein Mönch und Professor in Wittenberg: Martin Luther. Als Menschen aus Wittenberg zu Tetzel gingen, um Ablassbriefe zu kaufen, und dann glaubten, keine Buße mehr tun zu müssen, schrieb Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablass. Damit begann die Reformation, die Europa für immer veränderte. Tetzel verteidigte den Ablass in Gegenschriften, doch bald wurde er zur Zielscheibe des Spottes und sogar von der eigenen Kirche fallen gelassen. Er zog sich ins Leipziger Kloster zurück und starb dort 1519, einsam und gebrochen. Der Überlieferung nach soll Luther ihm kurz vor seinem Tod einen tröstenden Brief geschrieben haben. In Pirna erinnerte man sich nicht gern an den berühmtesten Sohn der Stadt. In der Stadtkirche gab es nach der Reformation sogar Wandbilder, die den Ablasshandel verspotteten; sie wurden erst im Jahr 1708 übertüncht. Heute geht die Stadt gelassener mit Tetzel um: Das Tetzelhaus wird als historisches Gebäude gezeigt, und in Führungen erzählt man seine Geschichte als Teil der großen Reformationsgeschichte. Auch das Pirnaer Dominikanerkloster geriet schon vor der Reformation in die Kritik. Bürger und Landesherren klagten über den Lebenswandel mancher Mönche, und um 1500 gab es einen langen Streit zwischen dem Kloster und einer Pirnaer Witwe, der bis zum Kirchenbann ging. Als die Reformation kam, hatte das Kloster in der Stadt kaum noch Rückhalt. Wie es dazu kam, erzähle ich Ihnen im nächsten Kapitel.

7. Die Reformation kommt nach Pirna

Obwohl Luther seine Thesen 1517 nur wenige Tagesreisen entfernt veröffentlicht hatte, kam die Reformation nach Pirna erst gut zwanzig Jahre später. Der Grund war der Landesherr: Herzog Georg von Sachsen, genannt der Bärtige, regierte in Dresden und war ein entschiedener Gegner Luthers. Solange er lebte, blieb das albertinische Sachsen offiziell katholisch, und wer sich zu Luthers Lehre bekannte, riskierte Ärger. Viele Pirnaer aber sympathisierten mit den neuen Ideen. Schon 1511 hatte ein Prediger namens Johann Styel öffentlich den Prior des Klosters kritisiert. 1537 suchte der Rat der Stadt heimlich in Wittenberg nach einem evangelischen Pfarrer – für den Tag, an dem sich die Verhältnisse ändern würden. Gleichzeitig wurden Mönche aus dem aufgelösten Kloster Altzella im Pirnaer Kloster einquartiert, was die Spannungen nicht kleiner machte. Am 17. April 1539 starb Herzog Georg. Sein Bruder und Nachfolger Heinrich der Fromme war evangelisch, und nun ging alles sehr schnell. Die Stadt wählte Anton Lauterbach aus Wittenberg zum Pfarrer. Lauterbach war ein enger Vertrauter Luthers – er gehörte zu den Männern, die an Luthers Tisch saßen und dessen Gespräche mitschrieben. Diese Tischreden sind bis heute eine wichtige Quelle über Luthers Denken, und Lauterbach war einer ihrer fleißigsten Aufzeichner. Im Juli 1539 kamen Visitatoren nach Pirna, also Abgesandte, die das kirchliche Leben im neuen Sinn ordneten. Die lateinische Messe und die Ohrenbeichte wurden abgeschafft, das Abendmahl wurde in beiderlei Gestalt gereicht, also mit Brot und Wein für alle Gläubigen. Am 25. Juli 1539 taufte Lauterbach zum ersten Mal nach lutherischer Ordnung. Er wurde Superintendent, also leitender Geistlicher für die ganze Umgebung, und blieb es bis zu seinem Tod 1569 – dreißig Jahre, in denen er das kirchliche Leben in Pirna prägte. Für das Dominikanerkloster war das das Ende. 1540 beschlossen die Landstände, die Klostergüter einzuziehen. Die Mönche durften bleiben, aber neue kamen nicht hinzu. 1542 lebten nur noch vier Mönche im Kloster, 1548 war der letzte gestorben oder gegangen. 1552 verkaufte man die Gebäude an Pirnaer Bürger. Die Klosterkirche diente danach lange weltlichen Zwecken und wurde erst im zwanzigsten Jahrhundert wieder Gotteshaus – seit 1957 ist sie wieder eine katholische Kirche. Die Reformation veränderte nicht nur die Gottesdienste. Schulen wurden neu geordnet; 1555 entstand in Pirna eine Mädchenschule, die Mägdleinschule am Kirchplatz, deren Gebäude noch steht. Armenpflege und Krankenversorgung, die früher Klöster und Bruderschaften übernommen hatten, gingen an die Stadt über. Und die große Stadtkirche, die man noch als katholische Kirche begonnen hatte, wurde nun als evangelische Kirche vollendet – mit einem Bildprogramm, an dem Lauterbach selbst mitwirkte. Davon erzähle ich Ihnen im nächsten Kapitel.

8. Die Marienkirche – ein Himmel aus Stein

Wer in Pirna die Stadtkirche St. Marien betritt, legt unwillkürlich den Kopf in den Nacken. Über dem Raum spannt sich ein Gewölbe, das aussieht wie ein steinernes Netz, wie Ranken und Äste, die aus den Pfeilern wachsen. Die Marienkirche ist eine der schönsten spätgotischen Kirchen Sachsens, und sie erzählt viel über den Reichtum und den Ehrgeiz der Stadt um 1500. Eine Kirche stand hier schon im dreizehnten Jahrhundert. Der Turm wurde von 1466 bis 1479 errichtet; er ist älter als die heutige Halle, und weil man später die Pläne änderte, stecken Teile des Turms heute im Innern der Kirche. Im Jahr 1502 begann der Pirnaer Werkmeister Peter Ulrich, genannt Peter von Pirna, mit dem Neubau einer großen Hallenkirche. In einer Hallenkirche sind alle Schiffe gleich hoch, sodass ein weiter, lichter Raum entsteht. Peter Ulrich starb 1513 oder 1514, und sein Nachfolger Markus Ribisch baute weiter, bis um 1523 das Geld ausging. Dann ruhte die Baustelle mehr als ein Jahrzehnt lang. Erst ab 1537 wurde unter Wolf Blechschmidt weitergebaut; das Gewölbe wurde 1544 und 1545 geschlossen, und 1546 war die Kirche vollendet. Mit 65 Metern Länge und 35 Metern Breite gehört sie nach Görlitz und Annaberg-Buchholz zu den größten Hallenkirchen in Sachsen. Acht schlanke, achteckige Pfeiler tragen das Gewölbe. Über dem Chor sehen Sie ein Fischblasengewölbe, an anderen Stellen Rippen, die sich spiralförmig winden oder wie Hobelspäne aussehen, und sogar Rippen in Form von Ästen. Unter diesen Astrippen verstecken sich zwei steinerne Figuren, ein Wilder Mann und eine Wilde Frau – eine kleine Entdeckung für aufmerksame Besucher. Das Besondere aber ist die Ausmalung des Gewölbes. Sie entstand 1545 und 1546, also genau in der Zeit, in der die Reformation in Pirna eingeführt war. Die Maler, unter ihnen wohl Jobst Dorndorff, nahmen die Holzschnitte der Lutherbibel von 1532 als Vorlage und malten biblische Szenen an die Decke, dazu Tugenden, spielende Kinder und Fabelwesen. Der erste evangelische Pfarrer Anton Lauterbach wirkte am Bildprogramm mit. Manche Bilder haben eine deutliche Botschaft: Luther und Melanchthon erscheinen als Evangelisten, und Wölfe mit Bischofsmützen stehen für das Papsttum, so wie die Reformatoren es sahen. Man kann die Decke also auch als steinernes und gemaltes Bekenntnis zur neuen Lehre lesen. Prächtig ist auch die Ausstattung. Die Kanzel entstand um 1520. Der Taufstein von 1561 hat einen Fuß, um den herum sechsundzwanzig kleine Kinderfiguren spielen, klettern und sich balgen – viele Besucher bleiben davor schmunzelnd stehen. Den großen Altar aus Sandstein schufen die Brüder Michael und David Schwenke zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts; er ist etwa zehn Meter hoch und zeigt in der Mitte die Auferstehung Christi. Der Turm trägt eine barocke Haube. Bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert wohnte dort oben ein Türmer, der nach Feuer Ausschau hielt und die Stunden blies; seine Wohnung kann man heute besichtigen. Und seit 1994 hängt im Turm das einzige siebenstimmige Geläut der sächsischen Landeskirche. Wenn Sie in Pirna sind, nehmen Sie sich Zeit für diese Kirche – und für den Blick vom Turm über die Dächer der Altstadt bis zum Elbsandsteingebirge.

9. Festung Sonnenstein und das Pirnaische Elend

Hoch über der Altstadt thront das Schloss Sonnenstein. Aus der mittelalterlichen Burg machte Herzog Moritz von Sachsen ab 1544 eine moderne Landesfestung, mit Bastionen und Wällen, die den Kanonen der neuen Zeit standhalten sollten. Schon wenige Jahre später musste sie sich bewähren: 1547, im Schmalkaldischen Krieg, überstand der Sonnenstein eine Belagerung. Im siebzehnten Jahrhundert wurde die Festung weiter verstärkt. Dann kam der Dreißigjährige Krieg. Anfangs blieb Pirna von Kämpfen verschont, doch der Krieg kam auf andere Weise in die Stadt. In Böhmen ließ der Kaiser nach dem Sieg über die protestantischen Stände die evangelischen Gläubigen vor die Wahl stellen: katholisch werden oder das Land verlassen. Viele Tausend gingen ins Exil, und das nahe, evangelische Sachsen war das erste Ziel. Um 1629 lebten über zweitausend böhmische Glaubensflüchtlinge in Pirna, eine enorme Zahl für eine Stadt dieser Größe. Unter ihnen waren Adlige, Geistliche, Handwerker und Bauern. Sie brachten Fertigkeiten und Verbindungen mit, aber auch Not, und die Stadt musste sie versorgen. Den schwersten Schlag erlebte Pirna im Jahr 1639. Sachsen hatte 1635 die Seite gewechselt und Frieden mit dem Kaiser geschlossen – damit waren die Schweden, die früheren Verbündeten, plötzlich Feinde. Ein schwedisches Heer unter Feldmarschall Johan Banér zog nach Sachsen. Am 23. April 1639 stürmten die Schweden die Stadt. Was folgte, ging als das Pirnaische Elend in die Geschichte ein: Plünderung, Gewalt, Folter, Brände. Etwa sechshundert Einwohner kamen ums Leben. Die Festung auf dem Sonnenstein aber hielt stand; die Schweden belagerten sie monatelang vergeblich. Ein Mann wurde in dieser Zeit zum Helden der Stadt: der Apotheker Theophilus Jacobäer. Er verhandelte mit den Besatzern und erreichte, dass die Stadt nicht vollständig niedergebrannt wurde. Pirna verehrt ihn bis heute als seinen Retter, und ein Heimatspiel erzählt seine Geschichte. Die ganze Geschichte des Pirnaischen Elends mit dem Sturm, der Belagerung und dem Retter erzähle ich Ihnen gern ausführlich, wenn Sie danach fragen – es ist eines der bewegendsten Kapitel der Gegend. Nach dem Krieg lag Pirna am Boden. Die Einwohnerzahl war stark gesunken, viele Häuser standen leer oder waren zerstört, die Stadt war hoch verschuldet. Der Wiederaufbau dauerte Jahrzehnte. Die Festung Sonnenstein wurde ab etwa 1670 nach den neuesten Erkenntnissen der Festungsbaukunst weiter ausgebaut. Ein Elbhochwasser im Januar 1651, das den Markt überflutete, machte das Leben nicht leichter. Und kaum hatte sich die Stadt erholt, kosteten die Kriege des frühen achtzehnten Jahrhunderts, vor allem der Große Nordische Krieg Augusts des Starken, wieder viel Geld: Um 1707 hatte Pirna über hunderttausend Taler Schulden. Doch die Barockzeit brachte auch Glanz in die Stadt – davon im nächsten Kapitel.

10. Barockes Pirna: Fürstenhochzeit und Canaletto

Im Spätsommer 1719 war Pirna für einige Tage Schauplatz eines der größten Feste, das Sachsen je gesehen hat. Der Kurprinz Friedrich August, Sohn Augusts des Starken, hatte in Wien die Kaisertochter Maria Josepha geheiratet. Die Hochzeit sollte die Verbindung zwischen Sachsen und dem Haus Habsburg besiegeln und Augusts Ansprüche stärken. Als die Braut nach Sachsen kam, begannen in Pirna die Feierlichkeiten. Von hier aus fuhr das junge Paar in einer prächtigen Gondel auf der Elbe nach Dresden, begleitet von einer ganzen Flotte geschmückter Schiffe – eine Wasserparade, mit der die wochenlangen Hochzeitsfeste begannen. In Dresden folgten Feuerwerke, Opern, Jagden und Turniere, die nach den Planeten benannt waren. Im Jahr 2019, dreihundert Jahre später, wurde diese Fahrt von Pirna nach Dresden mit historischen Gondeln nachgestellt. Etwas mehr als dreißig Jahre danach kam ein Gast nach Pirna, dem die Stadt ihr berühmtestes Bild verdankt. Bernardo Bellotto, der Neffe des venezianischen Malers Canaletto und selbst unter diesem Namen bekannt, war Hofmaler in Dresden. In den Jahren 1753 bis 1755 malte er elf große Ansichten von Pirna und vom Sonnenstein. Er zeigte die Stadt mit einer Genauigkeit, die man mit einer Fotografie vergleichen kann: die Häuser am Markt mit jedem Fenster, die Marienkirche, die Festung auf dem Felsen, die Elbe mit den Schiffen, die Menschen bei ihren Geschäften. Das berühmteste dieser Bilder zeigt den Marktplatz von Pirna. Wenn Sie heute auf dem Markt stehen, können Sie das Gemälde fast Haus für Haus wiedererkennen. Das Gebäude am Markt 7, in dem heute die Touristinformation sitzt, heißt deshalb Canalettohaus. Es stammt aus der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, hat einen hohen dreigeschossigen Giebel, gotisches Stabwerk an den Fenstern und im Innern gotische Wandmalereien. Die Bilder Bellottos hängen heute in Dresden in der Gemäldegalerie Alte Meister und in anderen Museen. In Pirna führt ein Canalettoweg zu den Stellen, von denen aus er gemalt hat, und auf Tafeln kann man das Bild mit der heutigen Ansicht vergleichen. Das Pirna des achtzehnten Jahrhunderts war keine reiche Handelsstadt mehr wie zweihundert Jahre zuvor. Der Elbhandel hatte nachgelassen, das Stapelrecht verlor an Bedeutung, und die Kriege hatten Schulden hinterlassen. Dafür kamen neue Gewerbe auf. In den 1750er Jahren begann man außerdem, die Stadt mit einer unterirdischen Abwasserleitung auszustatten, der sogenannten Stadtschleuse, die schließlich zwei Kilometer lang war – eine beachtliche Leistung für eine Kleinstadt. 1774 entstanden die ersten Manufakturen, Kattundruckereien, in denen Baumwollstoffe bedruckt wurden. Doch die friedliche Zeit, die Bellotto so heiter gemalt hatte, war schon vorbei, als er seine Bilder vollendete: Im Spätsommer 1756 stand die preußische Armee vor den Toren, und auf den Ebenheiten oberhalb von Pirna begann eines der dramatischsten Kapitel der sächsischen Militärgeschichte.

11. Das Lager bei Pirna 1756 und Napoleon 1813

Ende August 1756 marschierte der preußische König Friedrich II. ohne Kriegserklärung in Sachsen ein. Die sächsische Armee war klein, etwa achtzehntausend Mann, und hatte keine Chance in einer offenen Schlacht. Deshalb zog sie sich zurück in eine natürliche Festung: auf die Ebenheit zwischen Pirna und Königstein, bei Struppen und Thürmsdorf, ein Hochplateau, das auf drei Seiten von steilen Felsen und der Elbe geschützt ist. Die Festungen Sonnenstein und Königstein deckten die Flanken. Dort, so hoffte man, würde man aushalten, bis österreichische Truppen zu Hilfe kämen. Das Lager bei Pirna wurde zur Falle. Die Preußen schlossen es ein, und die Vorräte reichten nur für wenige Wochen. Die Soldaten hungerten, die Pferde starben. Ein österreichisches Heer, das zur Rettung kommen sollte, wurde bei Lobositz in Böhmen aufgehalten. In der Nacht zum 13. Oktober versuchten die Sachsen, über eine Schiffsbrücke auf die andere Elbseite auszubrechen, doch im Regen und im Morast unterhalb des Liliensteins blieb der Versuch stecken. Am 14. Oktober kapitulierte die Festung Sonnenstein. Am 16. Oktober 1756 ergab sich die ganze Armee. Friedrich ließ die sächsischen Soldaten zwangsweise in preußische Regimenter stecken – ein Vorgehen, das selbst damals als ungeheuerlich galt. Viele desertierten bei der nächsten Gelegenheit und schlugen sich zu den Österreichern durch. Der sächsische König August III. durfte nach Polen abreisen. Auf der Ebenheit erinnern heute Gedenksteine an das Lager. Zwei Jahre später, 1758, belagerten österreichische und Reichstruppen die preußische Besatzung auf dem Sonnenstein, die am 5. September kapitulierte. Danach wurde die Festung geschleift, also unbrauchbar gemacht. Ein halbes Jahrhundert später kam der Krieg erneut nach Pirna, mit dem mächtigsten Mann Europas. Im Jahr 1813, nach dem gescheiterten Russlandfeldzug, kämpfte Napoleon in Sachsen um seine Herrschaft. Pirna lag an der Straße nach Böhmen, von wo die Armeen der Verbündeten herankamen. Napoleon hielt sich im September 1813 selbst in Pirna auf und ließ den Sonnenstein noch einmal als Festung herrichten. Für die Menschen dort oben war das eine Katastrophe – davon gleich mehr. In der Umgebung von Pirna, bei Kulm und Nollendorf jenseits der Grenze, wurde in diesen Wochen erbittert gekämpft, und auch über das Bielatal zogen Soldaten und Kosaken. Am Napoleonstein bei Langenhennersdorf, ganz in Ihrer Nähe, soll Napoleon selbst gewesen sein – die Sage erzählt, eine Kanonenkugel habe ihn dort knapp verfehlt. Im Herbst 1813 besuchte übrigens auch Johann Wolfgang von Goethe die Stadt. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 war Napoleons Herrschaft über Deutschland zu Ende. Für Pirna begann eine ruhigere Zeit – und auf dem Sonnenstein ein ganz neues Kapitel, das eigentlich schon 1811 begonnen hatte.

13. Industriestadt an der Elbe

Im neunzehnten Jahrhundert verwandelte sich Pirna von einer stillen Ackerbürgerstadt in eine Industriestadt. Am Anfang stand der Verkehr. 1837 fuhren die ersten Dampfschiffe auf der Elbe, und am 31. Juli 1848 wurde die Eisenbahn von Dresden nach Pirna eröffnet, bald darauf weitergeführt durch das Elbtal bis nach Böhmen. Der klassizistische Bahnhof zeugte vom Selbstbewusstsein der Stadt. Zum ersten Mal kamen nun auch Ausflügler in großer Zahl: Pirna wurde zum Ausgangspunkt für Wanderungen in die Sächsische Schweiz. Politisch war es eine bewegte Zeit. Im Revolutionsjahr 1848 vertrat der Naturforscher Emil Adolf Roßmäßler den Wahlkreis Pirna im ersten deutschen Parlament in der Frankfurter Paulskirche. Als 1849 in Dresden der Maiaufstand ausbrach, zogen auch Pirnaer Bürger dorthin; einer von ihnen wurde von preußischen Soldaten getötet. Das Elbhochwasser vom März 1845, die sogenannte sächsische Sintflut, setzte die Altstadt unter Wasser. Dann kamen die Fabriken. 1862 wurde ein Emaillierwerk gebaut, es folgten Maschinenbau, eine Glashütte, eine Zellstofffabrik und 1909 ein Werk für Kunstseide, das über Jahrzehnte einer der größten Arbeitgeber der Stadt blieb. Die Sandsteinbrüche lieferten weiter Steine in alle Welt, und auf der Elbe schwammen Lastkähne. 1875 wurde die erste feste Elbbrücke in Pirna fertig, eine Brücke aus Sandstein, die Pirna mit Copitz auf der anderen Seite verband. 1859 brannte auf dem Markt die erste Gaslaterne, 1861 wurde das Stadtmuseum gegründet, 1912 begann die öffentliche Stromversorgung. Pirna wurde außerdem Garnisonsstadt. Zwischen 1887 und 1906 entstanden große Kasernen, die Graue und die Rote Kaserne, und Soldaten prägten das Stadtbild. Die Einwohnerzahl wuchs kräftig: Um 1800 lebten etwa fünftausend Menschen in Pirna, 1890 waren es fast vierzehntausend. Durch die Eingemeindungen der Jahre 1922 und 1923, vor allem von Copitz auf der rechten Elbseite, stieg die Zahl auf über dreißigtausend. Ab 1924 war Pirna eine kreisfreie Stadt. Die Arbeiterschaft war zahlreich und politisch wach. Im Oktober 1923, in einer Zeit großer Not und Inflation, schlug die Reichswehr einen Streik nieder; zwei junge Arbeiter wurden dabei erschossen. Ein schweres Unglück brachte das Hochwasser von 1927, als die Gottleuba und die Seidewitz nach einem Unwetter über die Ufer traten; allein in Neundorf starben neun Menschen, insgesamt waren es dreizehn. Ab 1928 fuhren die ersten Stadtbusse. Pirna war in diesen Jahren eine typische sächsische Industriestadt: geschäftig, laut, mit rauchenden Schornsteinen an der Elbe und einer Altstadt, die langsam in den Schatten der neuen Viertel geriet. Die schweren Jahre, die nun kamen, erzähle ich Ihnen im letzten Kapitel.

14. Krieg, DDR, Wende und Flut

Im März 1933 erreichte die NSDAP im Gebiet um Pirna über vierzig Prozent der Stimmen. Schon am 9. März brannten in der Breiten Straße Bücher, und die Verfolgung politischer Gegner begann. In der Pogromnacht im November 1938 wurden auch in Pirna jüdische Geschäfte zerstört. Was auf dem Sonnenstein in den Jahren 1940 und 1941 geschah, habe ich Ihnen im Kapitel über die Tötungsanstalt erzählt. Im letzten Kriegsjahr kamen die Bomben. Am 19. April 1945 griffen Bomber gezielt die Elbbrücke und die Bahnanlagen an; mehr als zweihundert Menschen starben. Am 8. Mai 1945 rückte die Rote Armee in Pirna ein. Insgesamt hatte die Stadt im Krieg rund dreitausendfünfhundert Tote zu beklagen, die meisten von ihnen Soldaten an den Fronten. Die Altstadt aber war, anders als in Dresden, weitgehend erhalten geblieben. Nach dem Krieg gehörte Pirna zur sowjetischen Besatzungszone und dann zur DDR. Die großen Betriebe wurden enteignet und zu volkseigenen Betrieben, etwa das Kunstseidenwerk. In der Nähe, bei Königstein, begann die Wismut mit dem Abbau von Uran, und Tausende Arbeiter zogen in die Gegend. Für sie entstand von 1965 bis 1983 auf der Höhe über der Stadt das große Neubaugebiet Sonnenstein mit Plattenbauten. Die Altstadt dagegen verfiel. Für die Erhaltung der alten Häuser fehlten Geld und Material, viele standen leer, Dächer wurden undicht, manche Gebäude mussten abgerissen werden. Ende der 1980er Jahre war die Lage dramatisch: Ein Teil der historischen Bausubstanz schien verloren. Die friedliche Revolution von 1989 kam gerade noch rechtzeitig. Ab 1990 begann eine umfassende Sanierung, mit Fördermitteln, viel bürgerschaftlichem Einsatz und Handwerkern, die alte Techniken wieder lernten. Haus für Haus wurde gerettet. Heute gilt die Pirnaer Altstadt als eines der schönsten Ensembles in Sachsen. 1997 wurde Pirna Große Kreisstadt, 1999 ging die zweite Elbbrücke in Betrieb, und 2005 bekam die Stadt Anschluss an die Autobahn nach Prag. Seit 2008 ist Pirna der Sitz des Landkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge – das Landratsamt hat seinen Sitz teilweise auf dem Sonnenstein. Doch die Elbe erinnerte die Stadt auch an ihre Kraft. Im August 2002 stieg der Fluss auf einen Rekordstand, der alle bisherigen Fluten übertraf. Die Altstadt stand meterhoch unter Wasser, Geschäfte, Wohnungen und Werkstätten wurden zerstört, gerade erst sanierte Häuser waren wieder beschädigt. Im Juni 2013 folgte das nächste große Hochwasser. An vielen Häusern zeigen Marken, wie hoch das Wasser stand – es lohnt sich, beim Rundgang darauf zu achten. Pirna hat sich jedes Mal wieder aufgerichtet. Heute leben hier rund vierzigtausend Menschen. Die Altstadt mit ihren Sitznischenportalen, die Marienkirche, das Canalettohaus und der Blick vom Sonnenstein über die Elbe machen Pirna zu einem Ort, an dem man fast achthundert Jahre Geschichte auf wenigen Hundert Metern erleben kann. Und für Sie im Bielatal ist es ganz nah: kaum zwanzig Minuten mit dem Auto oder mit dem Bus, der direkt vor dem Haus hält.

Stand: 10/2026

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