Deutsch · English · Français · Čeština · Nederlands · Polski · Italiano
Die gleislose Bielathal-Motorbahn
Von 1901 bis 1904 fuhr von Königstein ins Bielatal die „Gleislose Bielathal-Motorbahn mit elektrischer Oberleitung“ – ein elektrischer Bus an zwei Fahrdrähten, also ein früher Oberleitungsbus. Erbaut hat sie der Dresdner Ingenieur Max Schiemann. Sie war der erste Obus in Sachsen, die erste Anlage der Welt mit Stangen-Stromabnehmern, wie sie Obusse bis heute haben, und sie hatte den ersten Oberleitungs-Lastwagen der Welt. Geplant war sie bis hinauf zur Schweizermühle, also fast bis vor die Tür des Hammerguts – gebaut wurde dieses Stück nie.
Die Strecke
Max Schiemann beantragte die Bahn am 11. Juni 1900, genehmigt wurde sie am 2. Februar 1901, abgenommen am 5. Juli 1901. Am 10. Juli 1901 ging es los: vom Viaduktplatz in Königstein, dem heutigen Reißigerplatz am Bahnhof, 2,5 Kilometer das Tal hinauf bis zur Papierfabrik Hütten. Am 18. August 1901 kamen rund 300 Meter bis zur Kaltwasserheilanstalt Königsbrunn dazu, und ab 16. Februar 1902 führte eine 1,6 Kilometer lange Güterstrecke zum Güterbahnhof Königstein. Mit 4,4 Kilometern war die Bahn am längsten. Haltestellen waren Viaduktplatz, Bielatalstraße, Hütten und Kurbad Königsbrunn.
Wagen und Technik
Gefahren wurde mit 500 Volt Gleichstrom aus einem Wasserkraftwerk an der Biela in Königstein; die Fahrdrähte hingen 6 Meter hoch an Stahlmasten, in den Orten an Rosetten direkt an den Hauswänden. Die Elektrik lieferte Siemens & Halske. Wagen 1 und 2 hatten 18 Sitz- und 6 Stehplätze und je zwei Motoren mit 9 PS, Wagen 3 fuhr für die Post, Wagen 4 war ein Lastwagen mit 36 PS und Allradantrieb, der im Sommer Sitzbänke für Ausflügler bekam. Die Räder waren Holzspeichenräder mit Eisenreifen. Weil es nur eine Leitung gab, musste bei einer Begegnung ein Wagen seine Stromstangen abziehen; die gefederten Stangen ließen dem Wagen bis zu 3 Meter Platz nach beiden Seiten.
Fahrplan und Fahrpreis
Ab Juli 1901 gab es täglich zwölf Fahrten talabwärts und elf talaufwärts, abgestimmt auf die Züge im Elbtal und die Dampfschiffe. Bergauf brauchte der Wagen etwa 20 Minuten, bergab 15 – höchstens 12 km/h schnell, mit Güteranhänger 8 bis 10. Eine Fahrt kostete 10 Pfennig, für Kinder 5 Pfennig. Im Winter streuten die Wagen Sand, und die Anhänger liefen auf Schlittenkufen.
Warum sie nach drei Jahren aufgab
Die Rechnung ging nicht auf: Die Forstverwaltung schloss keine Verträge über die Holzabfuhr, und Kurgäste kamen nur im Sommer – viel weniger als erwartet. Dazu die Straße: Die schweren Wagen mit ihren Eisenreifen machten sie kaputt, und auf der kaputten Straße gingen die Wagen kaputt. Ein Zeitgenosse fasste es so: „War die Straße gut, so machte sie der schwere Omnibus allmählich zu einer schlechten, war die Straße entzwei, so ging allmählich auch der Omnibus entzwei.“ Im Volksmund hieß sie die „Hüttener Rumpelkiste“. Am 19. September 1904 erlosch die Konzession; die Fahrgäste übernahm ein privater Omnibus von Emil Nacke, der sogar bis zur Schweizermühle durchfuhr.
Die Verlängerung zur Schweizermühle
Am 1. März 1903 bekam Max Schiemann die Erlaubnis für die ganze Strecke bis zum Kurhaus Schweizermühle – damit wäre das obere Bielatal elektrisch an Königstein angeschlossen gewesen. Weil die Bahn aber schon unten im Tal kein Geld verdiente, wurde das Stück nie gebaut. Eine Eisenbahn auf Schienen ins Bielatal gab es nie.
Max Schiemann und seine Bahnen
Max Schiemann, 1866 in Breslau geboren und 1933 in Wurzen gestorben, war Elektroingenieur bei Siemens & Halske und bei der Dresdner Straßenbahn. Nach dem Bielatal baute seine Gesellschaft für gleislose Bahnen elf weitere Anlagen, unter anderem im Veischedetal im Sauerland, in Ahrweiler, in Wurzen – teils mit Material aus dem Bielatal – und in Drammen in Norwegen, wo sein System bis 1967 fuhr. Ganz die erste Obuslinie war das Bielatal allerdings nicht: Siemens hatte 1882 bei Berlin einen Versuchswagen fahren lassen, und im März 1901 fuhr in Eberswalde kurz ein Obus mit anderem System.
Was heute noch zu sehen ist
Wer in Königstein die Bielatalstraße hinaufgeht, findet an einigen Häusern – unter anderem an den Nummern 2, 3, 37, 47 und 75 – noch die eisernen Rosetten, an denen einst die Fahrdrähte hingen. Ein Modell der Bahn steht im Miniaturpark „Kleine Sächsische Schweiz“ in Dorf Wehlen, alte Fotos bewahrt die Deutsche Fotothek. Heute fahren auf derselben Straße die Busse ins Bielatal.
Stand: 10/2026
Fragen Sie TOURsten weiter
TOURsten erzählt gern weiter, findet die passende Wanderung und plant mit Ihnen den Urlaubstag – kostenlos und in sieben Sprachen.
TOURsten fragen